Orrido di Nesso am Comer See: Schlucht, Wasserfall und Ponte della Civera
Zwei Wildbäche, eine enge Schlucht und eine mittelalterliche Brücke direkt am Wasser. Unser Kapitän erzählt, wie Nesso aussieht, wenn man mit dem Boot ankommt.
Den Orrido di Nesso versteht man vom Wasser aus besser als von der Straße. Am Ostufer des Arms von Como, zwischen Torno und Lezzeno, reißt der Berg zu einem schmalen Spalt auf, und das Wasser stürzt unter einem steinernen Bogen in den Comer See: der Ponte della Civera. Wenn ich mit meinem hölzernen venezianischen Wassertaxi daran vorbeifahre, nehme ich jedes Mal Gas weg.
Vom See aus: der Orrido di Nesso vom Boot
Von Como kommend taucht das Dorf hinter einer Biegung der Küste auf. Helle Häuser übereinander, der Kirchturm, und dann dieser Einschnitt im Fels. Man muss nach unten schauen, auf Höhe der Wasserlinie. Dort liegt die Brücke, klein, und ihr Bogen rahmt das Dunkel der Schlucht.
Ich fahre langsam heran, Motor im Leerlauf, so nah, wie es sicher ist. Meist wird es in diesem Moment still an Bord. Das Rauschen des Wasserfalls hallt zwischen den Felswänden und über das Wasser, und selbst im Hochsommer ist die Luft vor der Schlucht spürbar kühler.
Anreise zum Orrido di Nesso mit dem Boot
Am schönsten bleibt der Weg über den See. Bei einer Bootstour auf dem Comer See sieht man die Schlucht von unten, von dort, wo zu Fuß niemand hinkommt: Wir halten hier bei der Large Tour und auf unseren längeren Fahrten. Wer an Land gehen möchte, findet die Anlegestelle des Dorfes, die auch von den Schiffen der Navigazione Laghi angefahren wird.
Zu Fuß erreicht man den Ponte della Civera von der Via Coatesa über eine lange Treppe. Festes Schuhwerk und etwas Puste für den Rückweg nach oben sind sinnvoll. Laut Gemeinde ist der Zugang frei; Fahrpläne und Hinweise bitte vor der Abfahrt auf den offiziellen Websites prüfen.
Geschichte von Nesso und der Schlucht
Der Name geht laut Gemeinde sehr wahrscheinlich auf Ness zurück, eine keltische Gottheit des Wassers. Die Schlucht entsteht dort, wo zwei Wildbäche, der Tuf und der Nosè, zusammenfließen und sich mit rund 200 Metern Höhenunterschied bis zum Lario durch den Fels stürzen.
Jahrhundertelang hielt diese Kraft das Dorf in Gang: Mühlen, Papiermühlen, Seidenzwirnereien, Ölmühlen. Leonardo da Vinci notierte im Codex Atlanticus: "Nesso, ein Ort, wo ein Fluss mit großer Wucht durch eine gewaltige Felsspalte herabfällt". Im 18. und 19. Jahrhundert haben viele Künstler die Schlucht dargestellt, darunter Federico und Carolina Lose in einer ihrer Aquatinten, und Giambattista Bazzoni ließ hier seinen Roman Falco della Rupe o la Guerra di Musso von 1829 spielen.
Sehenswürdigkeiten in Nesso
- 01Ponte della Civera
Die mittelalterliche Bogenbrücke am Ufer, mit Blick direkt in die Schlucht und auf den Wasserfall. Das meistfotografierte Motiv von Nesso, und man versteht sofort, warum.
- 02Piazza Castello
Der zweite Punkt, von dem aus man laut Gemeinde die Schlucht sieht. Hier schaut man vom Dorf aus von oben hinein.
- 03Castello di San Lorenzo
Über dem Dorf steht noch die Mauer einer Festung, die die Comasken 1449 errichteten und die der Medeghino im 16. Jahrhundert zerstörte. Die drei Zinnentürmchen kamen im 19. Jahrhundert hinzu. Privatbesitz, also nur von außen; vom See aus gut zu erkennen.
- 04Kirche Santi Pietro e Paolo
Der Überlieferung nach weihte Papst Urban II. sie 1095; der Neubau begann 1632. Sie war die Hauptkirche der alten Pfarrei Nesso.
- 05Nosée
Wer Zeit hat, steigt Richtung Tronno zum Bach hinauf: eine steinerne Doppelbogenbrücke, ein großes natürliches Becken und weiter oben ein zweites Becken, der Pozzo dei Ladri.
Beste Reisezeit für den Orrido di Nesso
Die Schlucht kann man das ganze Jahr über sehen. Im Frühling oder nach ein paar Regentagen ist der Wasserfall lauter, und vom Boot aus hört man ihn deutlich. An heißen Sommertagen ist dieser schattige Winkel eine Wohltat.
Nesso blickt nach Westen. Am Nachmittag liegt das Dorf in der Sonne, während die Schlucht im Halbschatten bleibt, und genau dieser Kontrast ist mir vom Wasser aus am stärksten in Erinnerung. Im Winter ist der See ruhig und kaum befahren, eine gute Zeit für alle, die Stille suchen.
Orte in der Nähe von Nesso am Comer See
Richtung Como liegen Torno und die Villa Pliniana. Am gegenüberliegenden Ufer steht die Villa Oleandra in Laglio. Nach Norden fährt man an Lezzeno vorbei bis nach Bellagio an der Spitze der Landzunge.
